Roland Azir erwachte in erstickender Dunkelheit, eingeklemmt zwischen Leichen. Er wusste, dass es Leichen waren, denn sie beschwerten sich nicht, als er sich aus ihrer schlaffen Umklammerung befreite und hustend und nach Luft ringend auf den harten Metallboden fiel. Das Echo seiner Flucht drang nicht weit, da es von den riesigen Leichenhaufen verschluckt wurde. Der Gitterboden war rutschig von etwas, das er nicht identifizieren konnte. Ein Geruch, der an ein Grab erinnerte – oder vielmehr an viele Gräber –, umhüllte seine abgestumpften Sinne, und er tastete schwach nach seiner zerfetzten Uniform, auf der Suche nach den Streichhölzern, die er normalerweise bei sich trug, obwohl er schon seit einem Monat keine Zigaretten mehr auftreiben konnte.
Er schüttelte den Kopf und versuchte, den Nebel der Bewusstlosigkeit zu vertreiben. Nichts tat ihm weh; das kam sonst nie vor. Zumindest nicht in letzter Zeit. Er schloss die Augen. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war eine Explosion. Er war mit den anderen aus seiner Einheit unterwegs und kämpfte sich durch einen Sumpf aus Schlamm und Blut, vorbei an rauchenden Trümmern zerfetzter Panzer und Haufen entstellter Überreste, die einst Menschen gewesen waren – in diesen traurigen Zeiten war das ein nur allzu vertrauter Anblick. In der Ferne hörte er eine Glocke, vielleicht eine Kirchenglocke. Es gab doch noch einige Kirchen, oder? Manchmal fiel es ihm schwer, sich daran zu erinnern. Es war schon so lange her, dass er eine gesehen hatte, oder zumindest eine, die unbeschädigt war. So lange her, dass er auf die Knie gesunken war, um länger als nur ein paar verzweifelte Augenblicke zu beten, bevor … nein.
Nein. Konzentrier dich.
Mit einer Leichtigkeit, die aus Erfahrung herrührte, schob er alle Gedanken an Kirchen beiseite, seien sie nun unversehrt oder nicht. Stattdessen konzentrierte er sich auf das, was greifbar war. Seine Rüstung war weg, aber das war zu erwarten gewesen. Ebenso wie seine Waffen. Und seine Stiefel. Zumindest hatten sie ihm seine Socken gelassen. Aber wer wäre schon so verzweifelt, einem Leprakranken die Socken zu stehlen?
„Bettler können sich nichts aussuchen“, wie man so sagt, flüsterte ihm jemand ins Ohr.
Roland fand die Streichhölzer und holte sie aus seiner Tasche. Die waren ihm zumindest geblieben. „Auch Aussätzige haben ihre Prinzipien, mein Freund“, sagte er laut. Die Stimme – jene Stimme, wie er sie immer bezeichnete – lachte.
Wenn du das sagst.
„Ja. Ich spreche aus eigener Erfahrung, wie du sehr wohl weißt.“ Roland atmete leise ein und zündete ein Streichholz an. Von allen Seiten starrten ihn tote Gesichter an, wachsbleich im schwachen Licht des Streichholzes; aufgedunsen, porös, zerfressen. Roland, der während seines Dienstes an der Carcass-Front schon Schlimmeres gesehen hatte, versuchte instinktiv, sie zu identifizieren. Als ihm klar wurde, dass er keines dieser Gesichter kannte, atmete er erleichtert auf. „Na ja, das ist wenigstens etwas.“
Etwas Schreckliches.
„Pah“, sagte Roland und stand unsicher auf. Er spürte noch ein wenig Gefühl in den Beinen, auch wenn er den Verdacht hatte, dass einige seiner Zehen kurz davor standen, den Körper zu verlassen. Lepra befällt zuerst die Gliedmaßen, zumindest hatte man ihm das so gesagt. Zu seiner morgendlichen Routine gehörte es, seine Zehen zu zählen, um festzustellen, ob ihm in der Nacht nicht einer abgefallen war. Bislang hatte er Glück gehabt, zumindest in dieser Hinsicht.
Glück oder Gottes Segen?
„Das eine ist wie das andere“, murmelte Roland. Er blickte sich um. Er befand sich in einer Art Mulde, in einer weitläufigen Blase zwischen den Körpern, die zusammengedrückt und übereinander gestapelt waren und sich höher auftürmten, als er sehen konnte. Er hatte Glück gehabt, sonst wäre er vielleicht erstickt, ohne es zu merken.
„Wo bin ich hier?“, fragte er laut. Wieder war nur ein leises Echo zu hören. Der Streichholzstiel brannte ihm bis zu den Fingerspitzen herunter, und er löschte ihn beiläufig. Neugierig schüttelte er die Streichholzschachtel. Es waren nur noch wenige übrig; er würde vorsichtig sein müssen. Er blickte auf und sah, dass durch das Blätterdach aus Händen und Füßen ein schwaches Licht schimmerte. „Licht“, sagte er laut. „Und es ist nicht einmal Mondschein.“
Oder Sonnenlicht. Strom.
„Vielleicht ja. Strom bedeutet Menschen.“
Aber welche?
Die Stimme klang fast spöttisch. Roland seufzte. Er war sich immer noch nicht sicher, seit wann er sie hörte und warum, obwohl er wusste, dass er der Einzige war, der sie hörte. Zunächst dachte er, es handele sich um eine Offenbarung: die Stimme des Allmächtigen oder eines seiner Engel. Oder schlimmer noch, etwas aus dem feindlichen Lager. Doch im Laufe der Jahre, als ihm diese Stimme immer vertrauter wurde, begann er zu glauben, dass es keines von beiden war. Vielmehr war es er selbst oder zumindest ein Teil von ihm, der sich im dichten, urzeitlichen Sumpf seines Unterbewusstseins verirrte.
Kurz gesagt: Er war verrückt. Ein Irrer. Ein Wahnsinniger.
Diese Erkenntnis verschaffte ihm ein seltsames Gefühl des Trostes. Wenn es Wahnsinn war, dann zumindest einer, mit dem man leben konnte. Er kannte einen Kerl, der angefangen hatte, sich selbst zu verschlingen, nachdem er schon zu viele Artilleriesalven ertragen hatte. Besser diese Stimme als das hier.
Das ist ja ein Kompliment. Besser als Autokannibalismus. Ich bin gerührt.
Roland stöhnte. „Nein, ich bin verletzt. Am Kopf. Jetzt streng dich mal ein bisschen an und hilf mir herauszufinden, wo wir sind.“
Erst beleidigst du mich, und dann erwartest du von mir, dass ich dir helfe.
„Du machst aber immer noch, was du willst“, murmelte Roland und blinzelte in die Umgebung. „Muss ich dich etwa daran erinnern, dass ich derjenige bin, dem beim Niesen Körperteile abfallen? Ich – ach. Da ist es ja.“ Er erblickte einen natürlichen Durchgang zwischen den Türmen aus Leichen – die, wie er bemerkte, so ordentlich wie möglich aufgestapelt waren – und machte sich auf den Weg dorthin, vor allem, weil ihm nichts Besseres einfiel.
Die erste Regel an der Front: Wenn du dir nicht sicher bist, marschiere weiter.
Während er ging, zündete er ein weiteres Streichholz an, und das blasse Licht tauchte den Weg vor ihm in unheimliche Farbtöne. Es war eng dort. Schlaffe Finger verfingen sich in seiner Uniform, und die gesenkten Köpfe stießen gegen seine Schultern und Schienbeine. Mehr als einmal trat er auf etwas, das unangenehm matschte. Unter ihnen war der Geruch noch schlimmer, dick und erstickend. Er hing in der Luft und klebte ihm im Nacken. Er war sich sicher, dass er schon einmal etwas Schlimmeres gerochen hatte, aber er konnte sich nicht erinnern, wo.
„Ich könnte es dir sagen, wenn du willst“, sagte die Stimme.
„Ich bleibe lieber im Unklaren, danke“, antwortete Roland. Ihm kam der Gedanke, dass man ihn vielleicht in ein Lager gebracht hatte, in eine Leichenhalle. Die Leichen wurden, soweit möglich, vom Schlachtfeld eingesammelt und an einem sicheren Ort gelagert, bereit, bei der ersten günstigen Gelegenheit von der Front abtransportiert zu werden. Die Lager – Aufbewahrungsorte – waren errichtet worden, um die Leichen in der Zwischenzeit aufzubewahren und vor den Machenschaften des Feindes zu schützen.
Ihm kam der Gedanke, dass er dankbar sein sollte. Besser auf einer Mülldeponie als in einem flachen Grab. Es fiel ihm jedoch schwer, dankbar zu sein, wenn man auf einem Teppich aus Dämpfen ging und nur ein Paar Wollsocken der Arbeitskleidung an den Füßen trug. Noch schlimmer war, dass er beim Gehen das leise Zischen der aus den Leichen entweichenden Gase und andere Geräusche der stillen Entropie hörte.
Anders als man sich das normalerweise vorstellt, war der Tod weder würdevoll noch still. Aus den Leichen tropfte Flüssigkeit, sie gaben Geräusche wie Aufstoßen von sich und knackten. In den toten Körpern stauten sich Gase an, die die inneren Organe aufblähten, bis diese schließlich chaotisch platzten. Während seines Einsatzes an der Front sah er die unterschiedlichsten Leichen in allen Stadien der Verwesung. Er sah mehr, als er sich jemals gewünscht hätte.
„Mehr, als irgendein Mensch haben sollte“, sagte die Stimme.
„Ach, aber ich bin doch nicht einfach nur irgendein Mann, oder? Ich bin ein Ritter des Heiligen Lazarus.“ Er sagte das mit einem Grinsen, denn er konnte nicht mehr lächeln. Die Nerven in seinem Gesicht verloren den Kampf gegen seine Krankheit. Sein Gesicht war – nun ja, warum sollte er sich darüber den Kopf zerbrechen?
„Das ist ein Zeichen der Gunst Gottes“, sagte die Stimme andächtig. „Du trägst das heilige Leiden, und dein Körper ist wie eine Festung geworden, uneinnehmbar und unantastbar.“
„Abgesehen von den Teilen, die abfallen“, sagte Roland und räusperte sich mit einem heiseren Lachen. Das Atmen fiel ihm schwer, und er fragte sich, ob er vielleicht verletzt war. Schwer zu sagen. Sein Körper barg schon immer Geheimnisse vor ihm. Im Laufe seines Lebens war er erstochen, angeschossen und angezündet worden, doch er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal mehr als nur einen dumpfen Schmerz gespürt hatte. Er wusste, dass es, sobald man in diesen Zustand gerät, nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der Allmächtige einen zu sich ruft.
Fürchten wir uns etwa vor dem Jüngsten Gericht?
Roland verzog das Gesicht, als er in etwas Klebriges trat. „Ich habe keine Angst. Ich habe es nur nicht besonders eilig, mir meine endgültige Belohnung abzuholen.“
Während er sprach, hörte er ein leises Geräusch – so etwas wie ein Rascheln. Als würde sich etwas schnell über nackte Haut bewegen. Er blieb stehen, drehte sich um und suchte in den Leichenhaufen nach Anzeichen von Bewegung. „Hast du das gehört?“
Was hat er gehört?
„Irgendetwas“, murmelte Roland. Die Flamme des Streichholzes flackerte. Eine feuchte Brise wehte herüber. Sein Herz schlug schneller, als er ihm durch einen weiteren gewundenen Gang aus totem Fleisch folgte. Er folgte der Brise, bis sich der Gang zu einer weiteren Lücke weitete, ähnlich der, in der er aufgewacht war, nur viel größer. Er trat auf eine freie Fläche hinaus und sah, dass er am Rand einer Brückenplattform stand. Von irgendwo oben fiel in unregelmäßigen Schauern ein schwach regenbogenfarben schimmernder Regen herab. Es roch – was war das eigentlich?
„Myrrhe“, sagte die Stimme bereitwillig.
Die Leichen waren unsicher direkt an der Sicherheitsbrüstung aufgestapelt, und die Spitzen dieser Haufen lehnten an den unteren Teilen weiterer Portale, die sich immer höher und höher auftürmten. Das Metall unter seinen Füßen knirschte beunruhigend, als er vorsichtig bis zum Rand ging und hinunterblickte. Weitere Portale, weitere Leichen. Ein Abstieg in die Dunkelheit, die nur vom zufälligen Licht einiger blinkender Sicherheitsleuchten durchbrochen wurde. Ein endloser Haufen toter Körper, aufgestapelt und darauf wartend, nach Kreta zur endgültigen Beseitigung abtransportiert zu werden.
„Ach je“, sagte Roland leise. Das ist also kein Ort, an dem jemand eine Leiche entsorgt hätte. Dafür ist es viel zu groß.
Hast du es denn schon herausgefunden?
„Zu meiner Schande. Ich befinde mich in diesem verdammten Leichenschuppen.“ Oder, um den korrekten Namen zu verwenden, im Domus Demetrius. Ein Ort, an dem alle Toten landeten – zumindest diejenigen aus den Reihen der Gläubigen –, sofern sie Glück hatten. Die Domus Demetrius, erbaut auf den antiken Ruinen im Amanus-Gebirge, war Lagerhaus und Verarbeitungsanlage in einem. Größer als jedes Silo, größer als manche Festungen. Eine Stadt der Toten, erbaut von den Auserwählten, um die Überreste derer, die im Dienst Gottes gefallen waren, vor den Überfällen der Hölle zu schützen.
Er selbst hatte es noch nie gesehen, obwohl er schon viele Leichen zum Abtransport verladen hatte. Außerdem befand es sich mehrere Tage Reisezeit hinter ihren Linien. Wie lange war er bewusstlos gewesen?
Du bist schon seit vier Tagen tot, Lazaristo. Steh auf, du Toter, steh auf.
Er ignorierte den spöttischen Ton dieser Stimme. Vier Tage. War das nicht einst der Name eines Heiligen? Lazarus, der vier Tage lang tot gewesen war. Vier Tage, bevor der Herr ihn auferweckte und auf die Erde zurückbrachte, um – wozu eigentlich? Nur wenige Geschichten befassten sich damit, ebenso wenig wie damit, wer Lazar vor seinem Tod und seiner wundersamen Rückkehr gewesen war.
„Nur ein Mensch“, flüsterte die Stimme. „Genau wie du.“
„Ein guter Mensch, hoffentlich“, sagte Roland. Er roch verbranntes Fleisch und bemerkte, dass das Streichholz bereits so weit heruntergebrannt war, dass es ihm die Finger verbrennen würde. Er schnippte es mit dem Finger weg. „Tja, das hier ist zweifellos der Tiefpunkt. Und mein ganzes Leben ist ein einziger Tiefpunkt, also weiß ich, wovon ich rede.“
Und wer benimmt sich jetzt wie ein Verrückter?
„Sei nicht so mürrisch“, ermahnte ihn Roland, allerdings ohne Zorn. Diese Stimme hatte recht. Aber es kommt nicht jeden Tag vor, dass man sich noch lebendig im Domus Demetrius begraben wiederfindet. Er zündete sich ein weiteres Streichholz an, und diese Geste verschaffte ihm eine gewisse Befriedigung.
„Licht in der Dunkelheit“, sagte die Stimme.
Roland knurrte. Es war nicht das erste Mal, dass man ihn dem Tod überlassen hatte. Wenn man wie eine Leiche aussah, konnte man den anderen nicht vorwerfen, dass sie das dachten, was offensichtlich war. Es war jedoch das erste Mal, dass er nicht aufgewacht war, noch bevor die gütigen Hände der Pfleger des Demetrij-Ordens ihn in den Zug geladen und auf den Totenbahngleisen fortgebracht hatten. Es war eine neue Erfahrung, und bisher gefiel sie ihm nicht besonders. Über den täglichen Ablauf in den Leichenlagern wusste er fast nichts, aber das, was er wusste, flößte ihm nicht gerade Vertrauen ein. Er musste hier rauskommen. Gab es dort irgendwelche Türen? Es musste welche geben.
Es gibt keine, vielleicht nur ganz oben.
Roland knurrte. „Na, halt schon die Klappe, du weißt nicht mehr darüber als ich.“
Ich weiß eine Menge Dinge, die du nicht weißt.
„Nenn mir eine.“
Wie man den Gipfel erreicht.
Roland hielt kurz inne. „Erzähl mir davon.“
Ist das nicht klar? Komm hoch.
Roland blinzelte und blickte auf. „Auf was klettern? Auf Leichen?“
Es gibt dort keine Treppen. Zum Herunterlassen der Leichen werden Kräne eingesetzt.
Roland zögerte. „Vielleicht, wenn ich wirklich laut schreien würde …“
Nach oben ist immer besser als nach unten, Roland.
Roland runzelte die Stirn. Gegen eine solche Logik ließ sich kaum etwas einwenden. Und er hatte auch keine bessere Idee. Er holte tief Luft, suchte sich geeignete Griffe und begann zu klettern.
Während er das tat, kam ihm – und das nicht zum ersten Mal – der Gedanke, ob diese Stimme nicht vielleicht Ausdruck seines gesunden Menschenverstands sei. Nicht, dass er davon jemals im Überfluss gehabt hätte. Hätte er das, wäre er niemals den Rittern des Lazarus beigetreten. Er hätte niemals versucht, das Leiden derer zu lindern, die unter dem „gesegneten Leiden“ leiden. Nein, er wäre in Sicherheit hinter den Mauern von Neu-Antiochia geblieben und hätte sich einem Handwerk gewidmet, wie sein Vater so oft dafür gebetet hatte. Er wäre Lebensmittelhändler geworden und hätte Kohl verkauft.
Und wäre das denn so schlimm?
„Nein, aber das ist doch keine Berufung, oder?“
Manche Lebensmittelhändler würden dem vielleicht nicht zustimmen.
„Das war nicht meine Aufgabe“, stellte Roland klar. „Das hier ist es. Egal, wie es ausgeht.“
Es freut mich, dass du das denkst. Und nach einer Weile: Das macht die Sache einfacher.
Die Stimme verstummte; Roland begann den Aufstieg. Es war unangenehm, aber leichter, als er zunächst angenommen hatte. In regelmäßigen Abständen befanden sich Vorsprünge an den Trägern und ein Netz aus Stützen, die das gesamte Gewicht dieser furchterregenden Massen trugen. Er hielt regelmäßig an, um sich auszuruhen, und war sich nur allzu bewusst, dass ein einziger falscher Schritt ihn hinab in die Dunkelheit stürzen würde. Die zischenden elektrischen Lampen, die an den Stützen hingen oder an der Unterseite der Träger schwankten, tauchten alles in Rot- und Silbertöne, und ihr unaufhörliches Summen ließ seine Zähne jucken und seine Augen tränen.
Während er hinaufstieg, hörte er das dröhnende Knirschen der Maschinen, das irgendwo hoch über ihm heraufhallte. Von Zeit zu Zeit bebten die Stahlträger, die die Stapel aufrecht hielten, und ein Strom von nach Myrrhe duftendem Regen ergoss sich herab, der seine zerfetzte Uniform an seinen geschundenen Körper kleben ließ.
„Reinigung“, sagte die Stimme. „Bis es möglich ist, die Leichen in die Krematorien zu bringen. Du hast Glück, dass du gerade jetzt aufgewacht bist.“
„Wahrscheinlich schon“, murmelte Roland. „Wenn man das so nennen kann – oder?“ Er erstarrte, die Füße auf einer Stütze abgestützt, die mit einer Schicht verschmierten Weihrauchs überzogen war; mit einer Hand umklammerte er den Kopf von jemandem, der sich nun nicht mehr beschweren konnte, und mit der anderen wollte er nach einer Handvoll von etwas greifen, das er nicht allzu genau betrachten wollte. Für einen Moment konnte er nicht sagen, was ihn gewarnt hatte. Etwas –
Da drüben. Die Leichen … bewegten sich. Moment – nein. Nein, das waren nicht sie. Es war etwas unter ihnen. Er spürte die Vibrationen durch das blasse Gewebe unter seinen Händen. Er hing an seinem Versteck, was ihm wie eine Ewigkeit vorkam, und spürte, wie die Leichen zuckten und zitterten, bis es schließlich aufhörte. Als ob das, was auch immer es war, verschwunden wäre.
„Vielleicht sitzt dort jemand fest“, flüsterte die Stimme.
„Wenn das so ist, weiß ich nicht, wie ich ihnen helfen könnte“, antwortete Roland ebenso sanft.
Sollte man es also lieber gar nicht erst versuchen?
Hatte er etwa Enttäuschung in seiner Stimme gehört? „Was soll ich denn tun?“
Kletter weiter, Roland.
Er begann erneut, sich nach oben zu klettern, verärgert sowohl über diese Stimme als auch über sich selbst. So hoch oben fiel es ihm schwerer. Das Fleisch unter seinen Händen war von der Kondensfeuchtigkeit glitschig, und die Leichen waren frischer, neigten daher eher dazu, unter seinem Gewicht zu verrutschen. Er versuchte, an andere Dinge zu denken, um der Versuchung zu widerstehen, nach unten zu schauen. Er erinnerte sich an den Tag, an dem er in den Orden des Heiligen Lazarus eingetreten war. Er empfand dabei keinen Stolz, nur eine Art unerschütterliche Zufriedenheit. Das Gefühl, endlich etwas zu tun, das Sinn machte.
Dass du endlich das getan hast, wozu du bestimmt warst.
Roland hielt kurz inne. „Darum ging es also? Hätte mir das doch jemand früher gesagt.“
Stille. Roland stieß einen Schnaufer aus und griff nach dem Balken über ihm. In dem Moment, als er ihn ergriff, bebten die Leichen vor ihm erneut in einem eisigen Pulsieren.
Noch stärker als zuvor, als ob das, was es verursachte, näher oder größer wäre. Oder beides.
Rolande.
Er blieb stehen. Jetzt hörte er etwas Neues. Ein fernes Rauschen – was war das? Stimmen, dachte er. Irgendwo über ihm. Er beugte sich so weit zurück, wie er sich traute, und rief. „Hallo!“, rief er. „Ich brauche Hilfe, wenn es euch nichts ausmacht!“
Rolande!
Roland blinzelte. Unter den Toten vor ihm war ein Gesicht, das ihn unverwandt anstarrte. Mit glasigen Augen und erschlafften Gesichtszügen. Während er sie beobachtete, zuckten die erschlafften Gesichtszüge – erstarrten – und schwollen an. Als ob sie plötzlich von einem enormen inneren Druck erfasst worden wären.
Er erstarrte und beobachtete fassungslos, wie sich das blutleere Fleisch aufriss und zerfiel – und aus dem weit aufgerissenen Mund der Leiche schoss etwas Glänzendes, Schwarzes und Furchterregendes hervor. Für einen Moment sah er nur Haare, die mit Blut und anderen Körperausscheidungen verklebt waren, und einen Mund voller Zähne. Das rammte sich in ihn hinein, er verlor das Gleichgewicht und dann – hinunter.
Runter, runter und runter – die Welt drehte sich um ihn herum, während er versuchte zu verhindern, dass sich die Zähne in seinen Hals bohrten. Was auch immer es war, es war hungrig und stark und zappelte in seinem Griff, begleitet von einem Schrei, der ihm fast den Schädel zerriss. Er hielt es am Hals fest, dachte er, aber er hatte keine Möglichkeit, das zu überprüfen. Sie stießen auf einen Haufen Leichen; die Körper rutschten ab und wälzten sich mit einem widerlichen, feuchten Geräusch hin und her.
Das Ding lag auf ihm, und seine Krallen gruben sich in seinen Bauch. Etwas, das ein Schwanz sein könnte, schlug ihm wie ein Lederknüppel gegen die Beine. Im schwachen Schein entfernter Lichter erkannte er die schmalen Umrisse ihres Schädels – er erinnerte an den Schädel eines übergroßen Wiesels oder einer Ratte. Sie bellte und knurrte ihn an und versuchte, ihre gelben Schneidezähne in sein Fleisch zu versenken.
Sie rollten über die Spitze des Haufens hinweg, und bevor Roland überhaupt begreifen konnte, was geschah, befanden sie sich bereits am Rand. In dem verzweifelten Versuch, nicht hinunterzufallen, begann er, dem Wesen den Hals zu verdrehen und zu zerren, und versuchte mit aller Kraft, ihn ihm zu brechen. Es schrie auf und verdoppelte seine Befreiungsversuche, wobei es sich mit seinem ganzen Gewicht gegen ihn stemmte. Er schloss die Augen und umklammerte sie noch fester, während Gebete aus seinem Mund sprudelten. Gebete um Erlösung, um Rettung, um Kraft. Und irgendwo antwortete etwas. Vielleicht Lazarus, oder vielleicht sogar Demetrius selbst.
Was auch immer der Grund dafür gewesen sein mochte, Roland spürte, wie sich der unnatürliche Knochen unter seinen Händen allmählich nachgab, bis schließlich ein scharfes Knacken ertönte, als würde ein Ast brechen, und das Gewicht über ihm besiegt zusammenbrach.
Tolle Arbeit.
„Halt die Klappe“, hauchte er. Er schob das zuckende Ding von sich weg und kroch vom Rand des Haufens zurück. Schnell untersuchte er sich auf Verletzungen, fand aber außer ein paar neuen Schürfwunden nichts. Auch diese musste er im Auge behalten; alles, was die Haut verletzt hatte, verdiente seine Aufmerksamkeit. Als er sich wieder gefasst hatte, stand er unsicher auf und machte sich auf den Weg zu dem Ding, wobei er sich unterwegs ein Streichholz anzündete.
Er blieb stehen und schaute nach unten. „Wow.“
Das stimmt. Das hätte man nicht erwartet, oder?
„Nein“, sagte Roland leise. Es gab schon immer Geschichten über Ratten und anderes Ungeziefer, das aus der Dunkelheit unter dem Domus Demetrius hervorkroch, um sich von den heiligen Toten zu ernähren. Er glaubte nicht daran, obwohl er aus eigener Erfahrung wusste, dass Ratten überall hinkamen und alles fraßen, was sie zwischen die Zähne bekamen, besonders wenn es sich nicht wehren konnte. Aber das hier war keine Ratte. Vielleicht war es einst eine gewesen, aber jetzt war es etwas ganz anderes.
Es erinnerte an eine Ratte, ja, aber nur im vageesten Sinne des Wortes. Denn – und das war das Schlimmste – es hatte auch etwas Menschliches an sich. Waren das menschliche Hände? War dieser deformierte Schädel menschlich, auch wenn er stark verzerrt war?
Roland ignorierte den Anflug von Übelkeit, der ihm in die Kehle stieg, und setzte seine Inspektion fort. Er sah, was die Gifte des Feindes mit jenen anrichten konnten, die das Pech hatten, in dessen Fänge zu geraten; er sah die zerstörten, kranken Wracks, die sie in den Feldlazaretten hinterließen. Gequälte Monster, die der Feind in die Schlacht trieb. War es dieses Mal anders? War es…
Siehst du das also?
Roland schlich in der Hocke um den Körper herum, bis er dessen hinteren Teil erreichte. Was er für einen Schwanz gehalten hatte, war keiner. Es war dünn und geädert, stellenweise fast durchscheinend, und als er es betrachtete, zitterte es leicht, als wäre es noch voller Leben. Im Licht des ausbrennenden Streichholzes sah er, dass es sich nach hinten und oben – oben – oben in die Dunkelheit erstreckte. Nach oben und zurück auf dem Weg, den sie gekommen waren. Er starrte es an, unfähig zu erkennen, was es war – bis zu dem Moment, als er es erkannte. Mit einem zischenden Laut des Ekels rappelte er sich auf. „Heiliger Lazarus, beschütze mich“, murmelte er.
Er hat es getan. Er wird es tun. Halte dich daran, Roland.
Roland zögerte, kehrte dann an der Ranke zurück – so hatte er es sich nämlich vorgestellt – und begann zu klettern, wobei er deren gewundene Verlauf über Stützen und Träger verfolgte. Anders als er angenommen hatte, waren sie gar nicht so weit heruntergefallen. Oder vielleicht war er einfach nicht so hoch geklettert, wie er gedacht hatte. Die Stelle, an der das Ungeheuer aufgetaucht war, fand er recht leicht. Es schien sich wie ein Maulwurf durch die dicht gedrängten Körper gegraben zu haben und hinterließ einen rohen, roten Tunnel.
Roland starrte in die Dunkelheit, aus der Wasser tropfte. „Das ist keine gute Idee.“
Ja. Lauf.
Roland kletterte in den tropfenden Tunnel hinauf und beobachtete die zuckende Ranke. Er schlich weiter und spürte, wie das Gewicht der Körper von oben auf ihn drückte. „Warum mache ich das eigentlich schon wieder? Vielleicht lauern hier noch mehr von diesen Mistviechern.“
Genau so. Jetzt beeil dich. Der Stapel ist instabil.
Roland wusste, dass diese Stimme Recht hatte. Er spürte, dass alles jeden Moment zusammenbrechen würde, und sah mit einer gewissen Erleichterung das andere Ende des Tunnels. Es gelang ihm, sich hinauszuschlängeln, kurz bevor sich die Körper erneut verschoben und der Tunnel mit einem donnernden Platschen verschwand. Er lag einen Moment lang da und rang nach Atem. Er befand sich in einer weiteren, kaum erkennbaren Lücke, die derjenigen, in der er aufgewacht war, sehr ähnlich war. Die Ranke war in der Nähe und wand sich immer noch. Sie erstreckte sich in die Dunkelheit, führte … wohin?
„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden“, sagte die Stimme.
„Ja, wahrscheinlich schon.“ Roland zögerte erneut. „Das ist nicht meine Pflicht.“
Nein.
„Im Ernst, ich sollte einen Weg finden, da wieder herauszukommen, und es jemandem melden. Egal wem. Der Demetrius-Orden soll sich darum kümmern. Schließlich liegt es in ihrer Verantwortung.“
Ja. Aber du bist ja hier.
Roland schloss die Augen und ließ das nach Myrrhe duftende Kondenswasser über sein Gesicht laufen. Er hätte jede Art von Reinigung begrüßt, die sich ihm bot. „Ich brauche eine Waffe“, sagte er nach einer Weile. Doch hier gab es keine Waffen. Er öffnete die Augen und sah sich um. Alles, was man hätte verwenden können, hatten sie den Toten bereits abgenommen, bevor sie sie weggebracht hatten.
Wer spart, hat dreimal so viel.
Roland knurrte. Er würde improvisieren müssen. Einen Moment lang musterte er die Leichen um sich herum, dann setzte er sich auf seine Fersen. Er suchte den unteren Teil des Haufens ab, wo sich die Körper unter dem Druck und durch die austretende Flüssigkeit in eine geleeartige Masse verwandelt hatten, und entdeckte dort einen schwachen, blassen Schimmer. „Das ist es“, sagte er. Mit einer Grimasse tauchte er seine fleckige Hand in die matschige Masse und wühlte darin herum, bis er etwas fand, das schwer genug war.
Er knurrte vor Anstrengung, als er versuchte, das Ding aus seiner Halterung zu reißen. Es leistete ihm Widerstand, und es fiel ihm schwer, es in der Hand zu halten, weil es schleimig war. Schließlich gelang es ihm, es herauszureißen, und er wäre beinahe auf den Hintern gefallen, als sich der Knochen mit einem feuchten, an Saugen erinnernden Geräusch löste.
Wunderschön.
„Was hast du da gesagt? Ach ja, Bettler können sich nichts aussuchen.“ Es war ein Oberschenkelknochen, dachte er. Er klopfte mit dem abgerundeten Ende gegen seine Handfläche und nickte. „Das reicht. Also … auf zur Jagd, oder?“
Er machte sich auf den Weg entlang des Trägers. An einigen Stellen musste er sich unter einem Körper ducken, der dort frei herunterhing. Es war, als würde man durch einen Dschungel aus Fleisch gehen. Die Luft war feucht und klebrig. Es gab dort ein wenig Licht, aber nicht viel. Zu wenig, um weiter als bis zur Spitze seiner – nun ja, eigentlich war es keine Nase mehr, aber fast. Es reichte jedoch aus, um die anderen Löcher zu sehen, die anderen Auswüchse. Es waren Dutzende, und sie wühlten wie Würmer in den Leichen herum. Wie viele waren es dort eigentlich? Und woher kamen sie…
Halt inne. Hör zu.
Roland hörte es. Er hörte es: dieses feuchte, keuchende Wimmern. Die Lautstärke schwankte unregelmäßig, und bei dem Gedanken daran, was die Ursache sein könnte, sträubten sich ihm die Haare auf der Haut. Das Geräusch kam aus dem Raum zwischen zwei Regalen, genau wie diese Ranken, die sich nun alle dicht aneinander drängten und sich zu verwickeln begannen, als würden diese Rattenbestien in einem wütenden Haufen herausströmen. Er schüttelte den Kopf, um dieses Bild zu vertreiben, und drängte sich zwischen den Regalen hindurch.
Die Hitze war hier viel unerträglicher. „Gas, das von den Toten freigesetzt wird“, dachte er, „oder vielleicht einfach nur die unerträgliche Hitze der Verwesung.“ Je länger die Leichen dort lagen, desto mehr verwandelten sie sich in Flüssigkeit. Die am Boden waren zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon nichts anderes mehr als schlaffe Säcke voller Flüssigkeit. Als wolle er diese Theorie bestätigen, bemerkte er, dass etwas Nasses um seine Knöchel herumwirbelte, und unter dem immer lauter werdenden Heulen war das Geräusch eines unaufhörlichen Tropfens zu hören.
Nun waren auch andere Geräusche zu hören – Knarren, Heulen und Quietschen. Die Haufen auf beiden Seiten schwankten leicht, und er wusste, dass sich diese Rattenbestien in Bewegung setzten. Der Gedanke, dass sie hinter ihm her sein könnten, verlieh seinen Schritten etwas mehr Schwung.
Vor sich erkannte er eine weitere Lücke zwischen den Leichenhaufen. Eine Stelle, an der sich die Leichen nach innen wölbten und eine konkave Vertiefung bildeten. Was dies verursacht hatte, konnte er nicht sagen, obwohl er eine unangenehme Vorahnung hatte. Dort bewegte sich etwas, eine undefinierbare Masse, doch in der Dunkelheit konnte er es nicht erkennen. Er klemmte sich den Oberschenkelknochen unter den Arm und wagte es mit zitternden Fingern, ein Streichholz anzuzünden.
Im Licht sah er es. Es war größer als die anderen und dick; schrecklich, widerlich dick, in den Verschmutzungen der Körperflüssigkeiten versunken, die Toten umklammernd, als suche es Halt. Sein Kopf glich dem Schädel einer riesigen Ratte, von dem sich das Fleisch längst in papierartigen Locken abgelöst hatte. Eine Mähne aus verfilztem, fettigem Haar breitete sich über seine schmalen Schultern aus und fiel an einer Reihe herabhängender Brüste hinab bis zum Bauch, der sich wie eine offene Wunde aufspreizte. Aus dieser widerlichen Spalte krabbelte etwas Kleines, Glitschiges und Schwarzes heraus und fiel in den Matsch zu seinen Füßen.
Das rattenartige Ungeheuer tauchte mit einem schrillen Quietschen auf und stürzte sich sofort auf den nächstgelegenen Leichnam, an dem es sich mit verzweifeltem Hunger gütlich tat. Es war nicht so groß wie das, das er getötet hatte. Vielleicht würde das mit der Zeit kommen. Während sie fraß, zitterte ihre schreckliche Mutter in einem Anfall von etwas, das Ekstase sein könnte. Und während sie – sie? – zitterte, sah er, dass die Ranke, die Nabelschnur, die sie verband, pulsierte. Sie alle pulsierten. Dutzende, viel mehr, so viele, dass er sie nicht alle zählen konnte.
Der Oberschenkelknochen rutschte ihm unter dem Arm hervor und fiel mit einem Platschen ins trübe Wasser. Die Rattenmutter erstarrte und blickte auf. In den knochigen Augenhöhlen ihres Schädels blitzten magische Lichter auf, die sich auf ihn richteten, beleuchtet von der Flamme seines Streichholzes.
„Verdammt“, sagte er.
Er ließ das Streichholz fallen und stürzte sich auf den Oberschenkelknochen, gerade als dieser sich auf ihn stürzte. Das kleine Rattenmonster war zuerst bei ihm und biss ihm wütend in die Hände. Er packte das winzige Wesen und zerschmetterte seinen Kopf an einem hervorstehenden Schulterblatt, während er mit der anderen Hand den Oberschenkelknochen ergriff. Die Rattenmutter kletterte aus ihrem Nest und nutzte die in der Nähe liegenden Leichen als Stütze, um ihren widerwärtigen Körper voranzubewegen. Als sie aufrecht in der Dämmerung stand, erinnerte sie fast an einen Menschen.
Roland zögerte. Alle seine Instinkte schrien ihn an, zu fliehen, aber er konnte nirgendwohin. Auch die Stimme bekräftigte diese Tatsache. „Hier bist du, und hier musst du sein“, sagte die Stimme. „Nun erhebe dein heiliges Schwert und schlage zu!“
Roland stieß einen Fluch aus und schwang seinen Oberschenkelknochen, als wäre es ein mächtiges Schwert. Er traf die Rattenmutter direkt am Schädel und schleuderte sie gegen den Haufen. Der Leichenhaufen bebte, einige Leichen rutschten von ihrem Platz und stürzten hinab, wodurch Roland für einen Moment von seinem Angreifer getrennt wurde. Der Regen aus Leichen hielt jedoch nur einen Augenblick an, bevor sich die Bestie erneut auf ihn stürzte. Klauen streckten sich nach ihm aus, während vergilbte Zähne hungrig klapperten. Roland stemmte sich fest ab und hob erneut den Oberschenkelknochen. „Für den heiligen Lazarus und das neue Antiochia!“, brüllte er.
Er drehte sich um und schwang den Knochen so kräftig er konnte. Den Aufprall konnte er zwar nicht abfangen, aber er spürte ihn. Es zuckte in seinen Armen und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Der Oberschenkelknochen brach in zwei Teile, und er wäre beinahe auf das Gesicht gefallen, als die Rattenmutter erneut gegen den Haufen prallte. Weitere Körper fielen herab, es waren zu viele, als dass er ihnen allen hätte ausweichen können. Eines traf ihn schräg, und er taumelte nach hinten.
Die Rattenmutter stürzte sich durch die Leichenhaufen und zerriss in ihrer rasenden Wut die Leichen. Ihr Schädel war zertrümmert, und aus den Knochen quoll etwas Schwarzes und Klebriges. Ihre kratzenden Krallen rissen Streifen aus seiner Uniform, und nur durch reines Glück gelang es ihm, zu verhindern, dass sie ihn in Stücke riss. Ihr Schwung schleuderte sie beide zurück gegen den gegenüberliegenden Haufen. Ihre Zähne gruben sich in seine Schulter, und er spürte, wie etwas nachgab. Noch schlimmer war, dass er spürte, wie etwas aus ihrem geöffneten Unterleib hervorkam, das ihm die Beine zerfetzte. Eine unbekannte und unangenehme Panik überkam ihn.
„Jetzt ist der richtige Moment – schlag zu!“, brüllte die Stimme. SCHLAG ZU!
Roland rammte das abgebrochene Ende seines Oberschenkelknochens mit aller Kraft in die Wunde am Schädel dieser Bestie. Die Rattenmutter bäumte sich mit einem Schrei auf, der einem bis ins Mark erschauerte, und ließ ihn los. Er verlor den Halt am Knochen und stürzte zu Boden, wobei er verzweifelt versuchte, die kleineren Rattenwesen wegzustoßen, die sich an ihm festklammerten.
Die Rattenmutter umklammerte ihren Kopf und zappelte wild umher, wodurch sie weitere Leichen mitriss. Beide Haufen gerieten ins Schwanken – bogen sich – und stürzten zusammen. Roland rollte sich zu einem Ball zusammen, hoffte, betete, wusste aber, dass das nicht reichen würde.
„Das hast du gut gemacht, Roland“, flüsterte die Stimme. Leise. Sanft.
Und dann herrschte endlich nur noch Stille.
Roland schnappte nach Luft und befreite sich mühsam aus dem Haufen von Leichen. Er fühlte sich, als hätte man ihn bis zur Blauheit verprügelt, auch wenn man ihm das nicht ansah. Schwer atmend kroch er davon. „Ich lebe noch“, sagte er.
„Noch am Leben“, stimmte die Stimme zu. War da nicht zufällig ein Anflug von Überraschung in ihrem Tonfall? Roland wollte gerade antworten, als die Leichen in der Umgebung zu zittern und sich zu bewegen begannen.
„Anscheinend bin ich nicht der Einzige“, sagte er und hielt Ausschau nach einem weiteren Knochen. Einen Moment später erhob sich die Rattenmutter ruckartig in die Höhe und schleuderte die toten Körper zur Seite, als wären sie nicht schwerer als Laub. Roland beobachtete, wie sie zu ihm hinaufkletterte und ihre toten Nachkommen hinter sich herzog. Die Stimme schwieg. Roland wollte die Augen schließen, tat es aber nicht.
Die Rattenmutter richtete sich über ihm auf, die Kiefer weit aufgerissen.
„Auf den Boden!“, befahl eine Stimme. Nicht die Stimme, sondern eine menschliche. Ein Strom glühenden Feuers zerriss die Luft über seinem Kopf und traf das Ungeheuer direkt in die Brust. Ein zweiter Feuerstrahl ergoss sich über die toten Körper und schlug von der anderen Seite auf die schreiende Rattenmutter ein. Das Ding bäumte sich erneut auf und schlug blind mit den Klauen in die Luft, und Roland kroch hastig aus dem Weg, als ein weiterer Feuerstrahl auf das Ungeheuer niederging. Dann noch eine, die vierte, die fünfte, bis aus der Bestie nichts weiter als eine sich windende Fackel geworden war, deren durchdringende, tödliche Schreie aus unzähligen verschiedenen Richtungen hallten, als würden ihre abscheulichen Jungen ihren Schmerz spüren.
Roland kroch rückwärts davon, unfähig, den Blick von diesem Anblick abzuwenden. Hände packten ihn, und er wehrte sich nur kurz, bevor sie ihn auf die Beine hoben. Roland stieß die Hände weg, und die beiden Brüder aus Demetrius, die ihm halfen, wichen zurück, als ihnen plötzlich bewusst wurde, wen – und was – sie da eigentlich in ihren Händen hielten.
„Du… du…“, begann einer von ihnen, dessen Gesicht im Schein des Feuers blass wurde. Hinter ihm schritten weitere Mönche mit Flammenwerfern auf die regungslose Gestalt der Rattenmutter zu. „Wir … wir haben dich schreien gehört. Du … Wir sind so schnell wie möglich hergekommen.“
„Ich habe das Gefühl, dass mir vielleicht ein Finger fehlt“, beklagte sich Roland und blickte auf seine Hände. „Moment, nein, da ist er ja. Da hatte ich aber Glück.“ Er winkte ihnen mit den Fingern zu. „Tolles Timing, Jungs. Noch ein paar Sekunden, und ich hätte mich schon persönlich mit dem heiligen Lazarus unterhalten.“
„Du bist leprakrank“, sagte der zweite Mönch, ein älterer Mann, dessen Gesicht vorzeitig von Sorgen gezeichnet war. „Das erklärt es.“
Roland blickte auf den brennenden Scheiterhaufen, auf dem die Rattenmutter lag. „Wirklich?“
„Nein. Das ist etwas aus der Dunkelheit“, sagte der Mönch müde. „Die Wurzeln dieses Ortes reichen viel tiefer, als wir ahnen. Unser Orden kann nur die oberen Stockwerke bewachen.“ Er reichte Roland eine Feldflasche. „Wir danken dir, Bruder – und wir schulden dir wohl auch eine Entschuldigung.“
Roland trank aus seiner Feldflasche, spülte sich den Mund aus und spuckte aus. „Wofür soll ich mich entschuldigen? Ihr habt mich doch gerettet.“
Der Mönch verzog das Gesicht. „Na ja, dafür, dass sie dich überhaupt dort zwischen die Leichen gesteckt haben.“
„Wie ich schon sagte, du bist genau dort, wo du hingehörst“, sagte die Stimme – etwas selbstgefällig, dachte Roland. Er machte sich nicht die Mühe, zu antworten. Die Brüder wirkten ziemlich empört.
„Ja, na ja, vielleicht war es ja doch das Beste so, oder?“ Roland nahm noch einen Schluck aus der Feldflasche und reichte sie dann dem Mönch zurück, der sie mit einem leicht angewidertem Gesichtsausdruck ablehnte. Roland lachte bitter.
„Sagen wir mal, wir sind quitt – was hältst du davon?“
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