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Ein Geschenk aus Fleisch

Der Hexer nahm ihm als Erstes die Augenlider weg. Als Kind hatte er Angst vor der Dunkelheit und flehte die Mönche an, die Kerzen im Schlafzimmer die ganze Nacht brennen zu lassen. Diese lehnten dies jedoch stets ab und verschonten ihn kein einziges Mal vor der Rute, weil er eine solch feige Angst gezeigt hatte. Jetzt sehnte er sich nach Dunkelheit, nach allem, was ihn vor der gnadenlosen Beleuchtung dieser höllischen Werkstatt und ihrem unmenschlichen Meister bewahren würde.

Die Wände der Kammer bestanden aus dunklem Stein und schweißnassem Eisen und wurden von Tausenden Kerzen aus menschlichem Talg erhellt, die die Luft mit beißendem, reizendem Rauch erfüllten. Hinter der Kammer hörte Gideon das unaufhörliche Hämmern, die Schreie und das monströse Gebrüll unzähliger höllischer Gießereien. An Handgelenken und Knöcheln an ein Stachelrad aus vom Feuer geschwärztem Holz genagelt, konnte Gideon nur zusehen, wie der Schwarzmagier über einem Arbeitstisch hockte, der aus den Knochen von Menschen und Kreaturen gefertigt war, die sich über Gottes vollkommene Pläne lustig machten.

Um die Werkbank herum hingen auf Spannrahmen durchsichtige Hautstreifen, die mit quälender Sorgfalt und Präzision von seinem Körper abgezogen worden waren. Der Hexer hörte auf, die gelatineartigen Stränge marmorierten Fetts von dem Fleisch abzukratzen, das er von Gideons Gesäß entfernt hatte und das nun bereit war, in Gefäßen mit Kalk und unheiligem Wasser gebleicht zu werden. Mit jeder Hautschicht, die er von seinen einst üppigen Körperproportionen ablöste, lernte Gideon unwillkürlich die unzähligen Schritte, die nötig waren, um menschliche Haut in Seiten für das Grimoire zu verwandeln, das er vorbereitete.

Der Hexer richtete sich zu seiner ganzen furchterregenden Größe auf und wandte sich ihm zu; sein entblößter, fleischloser Schädel glänzte im Schein der Kerzen wie etwas, das man gerade für die Leichenhalle vorbereitet hatte. Seine Oberfläche war mit blasphemischen Zaubersprüchen verziert und wurde von Drahtseilen zusammengehalten. Die Rüstung, die er trug, war ein Schrecken aus Bronzeplatten, in die höllische Gebete und goetische Schriftzeichen eingraviert waren; ihre Verbindungsstellen waren so grob verschweißt, dass man sie niemals abnehmen konnte, die Arm- und Schulterpanzer waren mit dornigen Spitzen und scharfen Haken versehen. Groß und dünn wie ein Pfahl bewegte er sich mit langen, hungrigen Schritten, seine beiden langen Arme waren in unnatürlichen Winkeln verdreht und endeten in scharfen Klauen.

Er neigte seinen Stock nach hinten, …um ihm in die Augen zu sehen, ohne ein Wort zu sagen. Er blickte ihn mit völliger Gleichgültigkeit an, seine verkohlten Augenhöhlen glichen einer bodenlosen schwarzen Leere. Gideon konnte weder die Augen schließen noch den Blick abwenden, denn die eisernen Klammern, die in die Seite seines Schädels gerammt waren, zwangen ihn, seinen Entführer unverwandt anzustarren. Dessen nadelartige Fingernägel glitten über seine entblößten Muskeln, und diese Qual trieb ihn dazu, erneut um Erlösung durch den Tod zu flehen. Verzweifelt plapperte er Informationen über die befehlshabenden Offiziere des neuen Antiochia, über die Verteidigung der Stadt … Alles, nur um diesem unaufhörlichen Grauen zu entkommen.

Der Hexer beugte sich näher heran und atmete den Duft seines verräterischen Verrats ein wie ein kostbares Parfüm. Er umfasste Gideons Gesicht mit Fingern, die scharf wie Klingen waren. Einen Moment lang streichelte er seine Wangen mit der Zärtlichkeit eines Liebhabers, bevor er mit den Fingerspitzen das weiche Fleisch hinter seinen Ohren durchbohrte. Mit chirurgischer Sorgfalt fuhr er mit den geschwungenen Klingen seiner Daumen und Zeigefinger entlang der Linie von Gideons Kiefer und Schläfe; er führte die Schnitte mit übermenschlicher Präzision aus, bis sich die Klingen am Kinn und an der Stirn trafen.

Gideons verzweifelte Bitten blieben unbeantwortet, als der Zauberer mit einer heftigen Bewegung nach unten sein Gesicht von den darunterliegenden Muskeln abriss. Der Schmerz war blendend, und für einen Moment war er fast schon peinlich dankbar für die Dunkelheit, die eintrat, als sich sein Geist in die verlassenen Winkel seines Bewusstseins zurückzog.

Als diese qualvolle Agonie nachließ und sich sein Blick wieder schärfte, brach das, was von Gideons erschüttertem Verstand noch übrig war, endgültig zusammen, als er vor sich sein eigenes Abbild sah, das bis ins kleinste Detail perfekt war. Er konnte nur noch einmal aufschreien, als er beobachtete, wie sich sein Spiegelbild nach ihm ausstreckte, um ihm gewaltsam den Kiefer aufzureißen, Sehnen zu zerreißen und Knochen mit einem trockenen Knacken zu brechen, bevor es hineingriff und ihm das rohe Fleisch der Zunge aus dem Mund riss. Das Monster stopfte sich seine blutige Beute in sein eigenes, grinsendes Maul, als wolle es sie verschlingen, und spannte die Muskeln seines neu erworbenen Fleisches an, während sich die Zunge wand, um an ihren Platz zu rutschen. Als Gideons Bewusstsein zu schwinden begann, sprach das Ungeheuer endlich.

„Die Hölle nimmt deine Gaben gerne entgegen“, sagte der Hexer.

Zunächst klangen diese Worte wie eine widerwärtige, hallende Nachahmung einer menschlichen Stimme. Doch während er sprach, verwandelte sich der Klang langsam, änderte seine Tonhöhe und wurde weicher, bis er genau jenen warmen Tönen entsprach, die Gideon einst für seine eigene Stimme gehalten hatte. „Ich bin mir sicher, dass deine Herde begeistert sein wird, wenn sie ihren verlorenen Prediger zurückkehren sieht …“


Quelle:https://www.trenchcrusade.com/lore/

Ein Geschenk aus Fleisch
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